Taffstyle Ratgeber

Die Geschichte des Piercings

Unter Piercing versteht man das Durchstechen der Haut und das anschließende Anbringen eines Schmuckstücks in den so entstandenen Stichkanal. Diese Körpermodifikation ist eine Kulturtechnik, die die Menschen schon seit Jahrtausenden anwenden.

Die Gründe für ein Piercing sind vielfältig und mögen sich im Laufe der Jahre gewandelt haben, aber trotz aller Veränderungen - und auch Anfeindungen - ist das Piercen niemals völlig in Vergessenheit geraten. Heute begegnen uns Piercings sowohl als persönlicher Schmuck als auch als Ausdruck von Zugehörigkeit und Individualität.

Doch warum lassen sich Menschen piercen?

Für manche steht die Freude am Schmuck im Mittelpunkt: Ein Piercing betont eine Körperstelle und unterstreicht den eigenen Stil. Für andere ist es mit kulturellen Traditionen, religiösen Vorstellungen oder einem wichtigen Lebensabschnitt verbunden. Welche Bedeutung es hat, hängt von der Person und ihrem Umfeld ab. Ein Piercing kann also Schmuck, persönlicher Ausdruck und Zeichen von Zugehörigkeit zugleich sein.

Illustrative Darstellung traditioneller Schmuckstile mit Ohr- und Nasenschmuck aus verschiedenen Kulturen.

Historische Piercings

Zugehörigkeit, Rituale und Schmuck

Genau wie heutzutage ging es auch früher den Menschen oft darum, ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe durch ihr Piercing zu dokumentieren. Es gab Piercings, die zu tragen nur bestimmten Kasten und gesellschaftlichen Gruppen wie etwa Priestern oder Adligen erlaubt war. Piercings, die einen spirituellen Hintergrund besaßen, wurden permanent oder auch nur zeitweise getragen. Gepierct wurde, um zu zeigen, dass der Träger einen wichtigen Punkt in seiner Entwicklung erreicht hatte, etwa zu einem vollwertigen Krieger geworden war oder die Pubertät erreicht hatte. Es gab auch Piercings, die eine schützende Funktion besaßen, und nicht zuletzt trug man sie auch einfach als Schmuck, weil man sie als schön empfand.

Piercing in verschiedenen Kulturen

Darstellungen und Schmuckfunde geben Einblicke in frühere Piercingkulturen. Buddhafiguren zeigen häufig verlängerte Ohrläppchen, die an seinen überlieferten fürstlichen Hintergrund erinnern. Solche Darstellungen sind jedoch keine unmittelbaren Belege für das Aussehen einer historischen Person.

Ein greifbares Beispiel liefert antiker Ohrschmuck aus Indien: Das Metropolitan Museum of Art bewahrt goldene Ohrornamente aus etwa dem 1. Jahrhundert vor bis zum 1. Jahrhundert nach Christus auf, die durch geweitete Ohrläppchen getragen wurden.

Auch bei den äthiopischen Mursi haben geweitete Lippen eine kulturelle Bedeutung. Mursi Online beschreibt den Lippenteller als Ausdruck des sozialen Erwachsenseins von Frauen. Die Bedeutung eines Piercings lässt sich deshalb nicht pauschal auf ganze Kontinente oder alle Angehörigen einer Religion übertragen.

Illustrative Darstellung von historischem Schmuck, Piercingringen und Fundstücken.
Piercings und Körperornamente haben in unterschiedlichen Kulturen seit Jahrhunderten religiöse, soziale und ästhetische Bedeutungen.

Von antikem Ohrschmuck zur modernen Piercingszene

  1. Um die Zeitenwende

    Goldene Ohrornamente aus Indien belegen Schmuck für geweitete Ohrläppchen.

  2. 1975 · Gauntlet entsteht

    Jim Ward beginnt sein Piercinggeschäft in West Hollywood zunächst zu Hause.

  3. 1978 · Das Geschäft öffnet

    Gauntlet erhält eigene Geschäftsräume und wird zu einem wichtigen Bezugspunkt der modernen Piercingszene.

Ausgewählte belegte Stationen – keine lückenlose Geschichte aller Piercingtraditionen.

Moderne Piercings

Selbstausdruck und Körperkultur

Auch heute ist es in vielen Subkulturen, wie etwa bei den Gothics, Punks, Hippies, Rockern und den SM- und Fetisch-Anhängern, um nur einige zu nennen, üblich, Tätowierungen und Piercings als Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls zu tragen. Dabei wird der Aspekt der Abgrenzung allerdings oft überbewertet, denn es geht den Piercing- und Tattooträgern nicht, wie so oft unterstellt, vor allem darum, sich abzugrenzen. Vielmehr ist es ihnen wichtig, ihre Einzigartigkeit, Ästhetik und das eigene Lebensgefühl durch ihre Körpermodifikationen auszudrücken. Es geht um Selbstausdruck und das Ausleben eines Schönheitsideals, das sich von dem allgemein geltenden unterscheiden mag, aber deshalb nicht weniger Gültigkeit besitzt.

Viele Menschen tragen auch Piercings, die auf den ersten Blick gar nicht sichtbar sind, wie etwa Bauchnabel-, Brust-, oder Intimpiercings. Ein Piercing kann außerdem ein persönliches Symbol für ein wichtiges Ereignis sein. Dazu gehören oft überstandene Krisen, beendete oder begonnene Beziehungen, der Schulabschluss, Heirat oder die Geburt eines Kindes. So kann der Schmuck an eigene Stärke oder glückliche Augenblicke erinnern.

Zu den ästhetischen und emotionalen Gründen, ein Piercing zu tragen, kommen auch sexuelle, denn auch die individuell empfundene Sinnlichkeit kann bei der Entscheidung eine Rolle spielen.

Wegbereiter der modernen Piercingbewegung

Jim Ward

Drei bekannte Wegbereiter der modernen Piercingbewegung sind Jim Ward, Fakir Musafar (Roland Loomis) und Doug Malloy (Richard Simonton). Jim Ward gründete Gauntlet 1975 zunächst in seinem Zuhause. 1978 eröffnete er das Geschäft in West Hollywood. Ward arbeitete ständig daran, die Piercingtechniken und den verwendeten Schmuck zu verbessern. Gauntlet prägte die Entwicklung moderner Schmuckformen, darunter Barbells. Außerdem gab Ward das Piercingmagazin PFIQ (Piercing Fans International Quarterly) heraus.

Fakir Musafar

Fakir Musafar experimentierte im Laufe seines Lebens mit vielen Arten der Körpergestaltung. Er schrieb und fotografierte zu diesen Themen und gilt als ein wichtiger Vertreter der Modern Primitives. Diese Bewegung griff unter anderem rituelle Körpermodifikationen auf. Dabei ist es wichtig, die ursprünglichen kulturellen Zusammenhänge von ihrer späteren Übernahme zu unterscheiden.

Doug Malloy

Doug Malloy unterstützte Jim Ward in dessen Anfangszeit finanziell und durch seine umfangreichen Kontakte. Darüber hinaus schrieb er zahlreiche Artikel zum Thema Piercing und half so dabei, es weiter bekannt und populär zu machen.

Die Materialien

Traditionelle Materialien

Viele der ursprünglichen Materialien, wie etwa Knochen und Horn, Bernstein, Holz, Halbedelsteine, Edelmetalle und Glas, die die Menschen teilweise schon vor Tausenden von Jahren benutzten, werden noch heute zur Schmuckherstellung verwendet. Während ursprünglich vor allem Holz, Steine, Knochen oder Horn zu Schmuck verarbeitet wurden, wuchsen mit den Jahrhunderten auch die Möglichkeiten und Fertigkeiten der Menschen. So setzten sie etwa ihr wachsendes Können in der Metallverarbeitung nicht nur zum Herstellen von immer besseren Waffen, sondern auch zur Fertigung von Schmuck ein.

Material mit Bedeutung: Bei den Maya war Jade ein besonders kostbarer Werkstoff. Aufwendig bearbeitete Ohrornamente zeigen, wie viel handwerkliches Können in den Schmuck floss. Farbe, Seltenheit und kulturelle Bedeutung machten das Material weit über seinen dekorativen Wert hinaus besonders.

Andere erhaltene Stücke zeigen die Vielfalt der Gestaltung: Im Pitt Rivers Museum werden hölzerne Ohrornamente der Kikuyu aus Kenia bewahrt. Historische Ohrornamente aus Peru verbinden dagegen Silber mit Einlagen aus Türkis und Muschelschale. Solche Beispiele machen deutlich, dass verschiedene Materialien auch miteinander kombiniert wurden – für unterschiedliche Farben, Muster und Oberflächen.

Illustrative Collage zur Geschichte von Piercings und Körperschmuck in verschiedenen Kulturen.
Von Knochen, Horn und Holz bis zu Metall: Piercingschmuck wurde über lange Zeit aus sehr unterschiedlichen Materialien gefertigt.

Moderne Materialien

Inzwischen sind zahlreiche Materialien hinzugekommen. Dazu gehören unter anderem Edelstahl (316 L, Chirurgenstahl), Titan, PTFE, Bioflex, Acryl und Kunststoff.

Vom Material zum Schmuck

Knochen, Holz, Glas oder Metall: Die Materialien erzählen einen Teil der Piercinggeschichte. Im nächsten Abschnitt geht es um die Schmuckstücke selbst – von historischen Ohrornamenten bis zu modernen Piercingformen.

Der Schmuck

Vom historischen Schmuckfund zum modernen Piercingschmuck

Unter den historischen Schmuckfunden sind einige atemberaubende Stücke, zum Beispiel bei den in geweiteten Piercings getragenen Plugs oder den als Ohrschmuck getragenen Kreolen und Steckern. Der moderne Piercingschmuck, so wie wir ihn kennen, wie etwa die Klemm- und Segmentringe, Stäbe, Bananen und Hufeisen, wurden allerdings vor allem seit den Siebzigern entwickelt. Mit Titan, Edelstahl und verschiedenen Kunststoffen ist die Auswahl an Schmuckmaterialien gewachsen. Das Material allein garantiert jedoch keine sichere Anwendung. Auch Piercings im Mundbereich können Zähne und Zahnfleisch schädigen; Kunststoffschmuck ist keine Garantie gegen solche Schäden. Ob Schmuck während einer Schwangerschaft im Bauchnabel Piercing bleiben kann, sollte individuell mit dem behandelnden Fachpersonal geklärt werden.

Kein Ende in Sicht

Piercing ist keine Geschichte mit einem Ende, denn es werden immer neue Formen der Körpermodifikation erfunden, und auch dazu passender Piercing Schmuck. Es wird überdies mit neuen Materialien experimentiert. Denn auch beim Piercen gilt, dass die Phantasie der Menschen unerschöpflich ist.

Quellen & Einordnung

Die ergänzten historischen Stationen und die gezielten sachlichen Korrekturen stützen sich auf folgende Quellen. Geprüft am 30. September 2026.

  • The Metropolitan Museum of Art: Antike indische Ohrornamente · Objektdatierung ca. 1. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr.
  • The Metropolitan Museum of Art: Buddha Shakyamuni · Sammlungseintrag, ohne Publikationsdatum.
  • Mursi Online: Introducing the Mursi · ohne Publikationsdatum.
  • Jim Ward: In the Beginning There was Gauntlet · The Point, 26. Mai 2020.
  • Jim Ward: The World’s First Piercing Magazine · 24. Oktober 2004.
  • American Dental Association: Oral Piercing/Jewelry · Fachübersicht zu Risiken von Mundpiercings.

Häufige Fragen

Seit wann gibt es Piercings?

Schmuck für geweitete Ohrläppchen ist seit Jahrtausenden belegt. Ein Beispiel sind antike indische Ohrornamente aus der Sammlung des Metropolitan Museum of Art. Einen einzigen Ursprung für sämtliche Piercingformen lässt sich daraus nicht ableiten.

Wer hat das moderne professionelle Piercing geprägt?

Jim Ward gründete Gauntlet 1975 zunächst in seinem Zuhause; 1978 eröffnete das Geschäft in West Hollywood. Gauntlet wurde ein wichtiger Bezugspunkt der modernen Piercingszene. Das ist ein Kapitel ihrer Entwicklung, nicht der Ursprung aller Piercingtraditionen.

Sind gedehnte Ohrlöcher ein moderner Trend?

Nein. Antike Ohrornamente wurden bereits durch geweitete Ohrläppchen getragen. Historische Beispiele ersetzen aber keine heutige Anleitung: Wer seine Ohren dehnen möchte, findet die praktischen Grundlagen im Ratgeber zum Ohrlochdehnen.

Ist ein traditionelles Material automatisch für frische Piercings geeignet?

Nein. Historische Verwendung belegt keine Eignung für einen frischen Stichkanal. Heute zählen unter anderem Werkstoffqualität, Verarbeitung und Passform. Der Materialratgeber erklärt die Unterschiede zwischen Materialangaben und bloßer Farbgebung.

Wo finde ich Erklärungen zu heutigen Schmuckformen?

Unser Verschlussratgeber erklärt Clicker, Schraubsysteme, Threadless und Klemmkugelringe. Für die Auswahl zählen neben der Bauform auch die Maße. Die Übersicht der Piercingarten führt dich zu den passenden Schmuckkategorien.

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